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Analoge Landschaft.

Annäherungen an den verlorenen Raum des Unbestimmten

von Christoph Walter Pirker


Diese Arbeit ist ein Aufruf für eine neue architektonische Form. Ein künstlerisches Werkzeug, das in einer Realität von oberflächlicher Aufschichtung versucht, jede Oberflächlichkeit umzukehren und eine neue plastische Überlegung der traditionellen Vorstellung von Raum hinzuzufügen. Gleichzeitig fokussiert dieser Aufruf auf die Entstehung der neuen architektonischen Form. Wenn von der modernistischen Annahme eines idealen, erklärbaren und endlichen Objektes losgelassen wird und stattdessen das Objekt als Folge von Differenzen und Intensitäten betrachtet wird, worin jeder Teil schon eine eigene Welt bestimmt, dann steht die künstlerische Untersuchung dieses Objektes innerhalb eines tieferen, unbestimmbareren Objektbegriffes. Im Zentrum dieser Überlegungen liegt die Linie: Zunächst als buchstäbliche Linie innerhalb der architektonischen Zeichnung, doch später als Metapher für eine jede räumliche Konkretisierung. Eine Linie, verstanden als Grenzlinie zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, dem Realen und dem Virtuellen. Dieser topologische Zustand wird durch zwei textliche und einen visuell-diagrammatischen Essay dargestellt. Die Metapher des Malens für die Produktion des Textes und der Bilder, das Entstehenlassen eines Raumzustandes in der geschriebenen und visuellen Sprache prägen diesen Aufruf auf mehreren Ebenen: Jede geschriebene oder gezeichnete Äußerung ist eher ein kontinuierliches Suchen, Verdichten und Erweitern und weniger eine abgeschlossene Form. Der erste Essay legt zunächst ein Regelwerk an Begriffen vor, die in Bezug auf architekturtheoretische, künstlerische und philosophische Ideen entwickelt werden. Am Ende des ersten Essays wird mit diesen Begriffen eine Frage gestellt, die sich an die Neudefinition der architektonischen Form richtet. Diese Definition wird im zweiten Essay durch die Aufstellung der zwei zentralen räumlichen Funktionen – die der Explikation und die der Implikation – formuliert. Die Atmosphäre dieses räumlichen Verständnisses, die alle vorangegangenen Überlegungen einschließt, zeigt der visuelle dritte Essay: Die Entwicklung einer Form an einem konkreten Ort, einem Ausschnitt der Südtiroler Dolomiten, in deren landschaftlicher Topographie gleichzeitig die topologischen Spuren der Kriegslandschaft eingeschrieben sind. Der Ort zeigt sich als Gewebe, in dessen globaler Bewegung sich die neue architektonische Form auf lokalem Maßstab positioniert. Die Bildung einer tieferen, noch zu erfahrenden Plastizität schafft einen Raumzustand, in dem die Funktion nicht außerhalb der Form geschieht, sondern als Ereignis zwischen Mensch und Form sowie zwischen Form und Form selbst. Eine Form des Unbestimmten, die Schaffung einer neuen Identität, entstanden in einer analogen Landschaft.

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