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im Séparée

,,Argumentationsoffen"

Kolumne von Benjamin Schmid-Lanz

In meiner Kolumne werde ich zu gewissen Themen, die mit Architektur und der TU Graz zu tun haben, Diskussionsansätze liefern. Ich möchte euch erzählen, was mir am Herzen liegt und eure Meinung dazu hören. Dass ich dabei die Weisheit nicht mit dem Löffel gegessen habe, erklärt sich hoffentlich von selbst. Daher mein Titel ­„Argumentationsoffen“.

Hat euch auch schon einmal jemand gesagt, dass im Architekturstudium an der TU „früher alles besser war“? Man hatte so viel mehr Freiraum, man konnte so toll quer  durch alle Semester durch studieren. Und die heutigen Studierenden, warum regen die sich nicht auf? Warum machen die nix? Ich kann es einfach nicht mehr hören. Früher war nicht alles besser! Früher war nicht jeder Studierende sofort ein Freigeist. Damals wie heute gibt es unterschiedlichste Arten, wie und warum man Architektur studiert. Und damals war die Anzahl der „Augen zu und durch“-Studierenden genauso hoch wie heute!
Die heutigen Architekten haben vergessen, wie sie damals studiert haben. Es wird alles ausnahmslos glori­fiziert und über die „gute alte Zeit“ gesprochen. Als die Zeichensäle noch frei waren, als man mit den Professoren noch per du war, als man Entwerfen 4 noch vor Entwerfen 1 machen konnte, als das HDA größer und alternativer war, als, als, als…
Ein Artikel im gat.st von Frau Wallmüller hat dann auch 2014 Wellen geschlagen, als Sie die Frage stellte, ob „[…] sich der architektonische Nachwuchs lieber hinter ihren Laptopbildschirmen in den sozialen Netzwerken aufhält?“ www.gat.st/en/news/ad-making

Ich kann mich noch gut an ein Interview erinnern, dass ich während meiner Amtszeit in der FAKarch mit dem gat.st geführt habe.

Damals wurde ich gefragt, ob früher nicht alles viel besser war? - Als Studierende nicht so faul waren, die Universität nicht nur ein Ort der Vorlesungen war und man „frei“ studieren konnte.

Ich befand mich hier einer Defensivposition, in der versucht wurde, mir eine gewisse, von Ihnen erwartete, ­Antwort zu entlocken. Als ich Ihnen diese dann nicht ­gegeben habe, war die Diskussion dann auch recht schnell zu Ende, das Interview wurde jedenfalls nie veröffentlicht.

Hier jedenfalls die Antwort, die ich heute vielleicht ge­ben würde:
Erstens einmal kann man das pauschalisiert so nicht behaupten, und schon gar nicht, dass das früher anders war. Natürlich gibt es Studierende, die sich mit der TU nicht so verbunden fühlen wie manch ein anderer. Aber nur weil sie sich an der Uni nicht engagieren, ­gehen sie nicht nach Hause und drehen Däumchen. Sie engagieren sich bereits in einem Musikverein, arbeiten neben dem Studium, oder haben Freunde, die etwas anderes als Archi­tektur studieren. Sie haben ein anderes Le­ben neben dem Studium. Und das ist gut so! Alle dies Erfahrungen bringen sie wieder zurück an die TU und berei­chern so das Studium und die Qualität der Archi­tektur in Graz! Und das war früher schon genauso. Hören Sie auf, die Studierenden von heute zu dämonisieren, irgendwann glauben Sie es selbst. Und dann haben Sie das Gegenteil Ihrer Intention erreicht.

Dass früher nicht alles besser war, bedeutet aber auch nicht, dass wir den Status quo beibehalten müssen.
Aber dazu und zum Unterschied der ETH Zürich mit der TU Graz erzähl ich euch die nächsten Male, wenn ich dann wieder was schreiben darf.