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Retrotopia: eine Gefahr auch in der Architektur?
Rückwärtsgewandte Utopien am Beispiel der Frankfurter Altstadtrekonstruktion

Felix Obermair

„Retrotopia“ ist der Titel des letzten, 2017 posthum erschienenen Buches des großen polnisch-britischen Soziologen Zygmunt Bauman (1925–2017). Baumans Wort-Neuschöpfung „Retrotopia“ bezeichnet „Visionen, die sich anders als ihre Vorläufer [Utopien, Anm. d. V.] nicht mehr aus einer noch ausstehenden und deshalb inexistenten Zukunft speisen, sondern aus der verlorenen/geraubten/verwaisten, jedenfalls untoten Vergangenheit.“1 Während Bauman seine Überlegungen auf die gesamte Gesellschaft projiziert und auf die aktuellen Gefahren rückwärtsgewandter Nationalismen, angefangen bei Trumps „America First!“, hinweist, lässt sich seine Definition der Retrotopie auch auf die Architektur übertragen.

 

Hof zum Rebstock, Hinter dem Lämmchen, Hühnermarkt und Goldene Waage. Historische, idyllisch und romantisch klingende Hausbezeichnungen. Sicherlich romantischer als ein Technisches Rathaus. In der Altstadt Frankfurts am Main machte kürzlich Letzteres Ersterem Platz. Anlass dazu war das Dom-Römer-Projekt, ein städtebaulicher Eingriff mit großer Symbolkraft auf verhältnismäßig geringer Fläche. Auf etwa 7000 Quadratmetern ist hier Frankfurts mittelalterliches Stadtzentrum wie Phönix aus der Asche wiederauferstanden. Das „neue alte“ Stadtviertel, 2018 fertiggestellt, ist ein ambitionierter, die brutalistische Nachkriegsarchitektur „korrigierender“ Eingriff. Kann es schließlich einer Sehnsucht nach der idealen Vergangenheit zugeordnet werden, ist es die gebaute „Retrotopie“?

 

Beginnen wir mit der Genese des Projekts: Im nicht so fernen 2007 beschloss die Frankfurter Stadtversammlung das 1974 im Herzen der Stadt zwischen Römerberg und Domplatz errichtete Technische Rathaus abreißen zu lassen. Der brutalistische Bau von Wolfgang Bartsch, Anselm Thürwächter und Hans H. Weber war noch 1980 zeitgemäß genug, um mit seinen Brüstungs- und Balkonfertigteilen als Musterbeispiel einen Beton-Atlas anzuführen.2 Gleichzeitig galt er aber in der kleinteiligen Altstadt mit einem Bauvolumen von 230.000 m³ – auf mehrere Türme verteilt – als völlig überdimensioniert und bei Anbruch des neuen Jahrtausends auch als technisch überholt. Nach einem über zweijährigen Prozess der Ideenfindung war die Stadt Frankfurt 2006 von der Idee abgekommen, das Technische Rathaus baulich sanieren zu lassen. Der Siegerentwurf eines städtebaulichen Wettbewerbs von KSP Engel und Zimmermann sah den Abriss des Technischen Rathauses vor. Es sollte durch zeitgemäße Großbauten, wie etwa Wohn- und Bürokomplexe, ersetzt werden.

 

Schließlich setzte sich aber eine von den konservativen „Freien Wählern Hessen“ initiierte, dritte Lösung durch, der sich später alle größeren Parteien anschlossen: die Rekonstruktion der historischen Altstadt. Mit Bauten aus dem Mittelalter und der Renaissance, die 1944 im zweiten Weltkrieg bei Luftangriffen der Alliierten großteils zerstört wurden, galt sie als eine der größten und schönsten Fachwerk-Altstädte Deutschlands. 2018, also nur etwas mehr als 10 Jahre nach diesem Beschluss, wurden auf der ehemaligen Fläche des Technischen Rathauses 15 rekonstruierte Altstadthäuser, sogenannte schöpferische Nachbauten von historischen Altstadthäusern, eingeweiht. Flankiert werden sie von 35 „Neuinterpretationen“, historisierenden Neubauten, die in das mittelalterliche Grundstücksraster gesetzt wurden. Mit dem Haus zur Goldenen Waage (Renaissancefassade aus dem Jahre 1619) wurde eine der wichtigsten Frankfurter Sehenswürdigkeiten wiederaufgebaut. Am Alten Markt im Süden des Dom-Römer-Areals säumen die Nachbauten und Neuinterpretationen den historischen Krönungsweg, der von den jeweils neu gewählten deutsch-römischen Kaisern vom 12. bis zum 18. Jahrhundert für feierliche Prozessionen genutzt wurde. All diese historischen Bezüge werden in der neuen Altstadt baulich wieder erkennbar gemacht, während im Entwurf des Technischen Rathauses lediglich der Straßenverlauf des alten Krönungsweges erkennbar geblieben war.

Wurde mit dem Dom-Römer-Projekt versucht, das vermeintlich authentische Stadtbild Frankfurts wiederherzustellen? Die deutsche Soziologin Martina Löw beschreibt in ihrem Buch „Soziologie der Städte“ (Suhrkamp, 2008) den aus ihrer Sicht hauptsächlich ikonographisch geführten Wettkampf um Reputation zwischen Metropolen. Unverkennbare Stadtbilder schaffen laut Löw die im internationalen Wettkampf so wichtigen Alleinstellungsmerkmale. Frankfurts Altstadtrekonstruktion führt Löw im Kapitel „Die Stadt als gebautes Bild“ als Beispiel „geradezu obsessive[r] Besetzungen von bildhaften Strategien“ an. Als Vorlage für die Neubebauung sowie als Kommunikationsmittel in der öffentlichen Debatte seien vor allem alte Fotografien des historischen Hühnermarktes herangezogen worden. Das unverwechselbare Stadtbild würde in Frankfurt in gleich doppelter Hinsicht angestrebt, „in der für Deutschland einzigartigen Hochhausfront [des Bankenviertels, Anm. d. V.]“ und eben „in der Produktion eines geschlossenen Altstadtbildes als Neubebauung der nach dem zweiten Weltkrieg völlig zerstörten Innenstadt“.
3 Interessanter Exkurs: Löw zitiert den deutschen Kunsthistoriker Gerhard Vinken, der bei Altstadtrekonstruktionen wie in Frankfurt die Unterwerfung einer vormals heterogenen Gebäudesubstanz aus unterschiedlichen Epochen unter „Handlungsabläufe der Homogenität, Prägnanz und Eindeutigkeit“ kritisiert. Es wird also fieberhaft nach dem Wesen und dem Charakter der Stadt gesucht. Die Rekonstruktionen bleiben laut Löw und Vinken oft oberflächlich, auf wenige ästhetische, vermeintlich typische/traditionelle Elemente beschränkt.4 Retrotopische Kulissenarchitektur? Sozialer Wohnungsbau für alle FrankfurterInnen ist es im Dom-Römer-Projekt jedenfalls nicht geworden (auch nicht im ursprünglichen Neubau-Entwurf von KSP Engel und Zimmermann). Dazu sind laut Michael Guntersdorf, Geschäftsführer der im Besitz der Stadt Frankfurt befindlichen Dom-Römer-GmbH, die Grundstückspreise in der Altstadt auch viel zu hoch – so ist Wohnen und Einkaufen in der Altstadt nur für Wohlhabende leistbar.5 Die gebaute Retrotopie ist nur an ihren Fassaden für alle erfahrbar.

 

Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums, ebenfalls in Frankfurt am Main angesiedelt, konstatierte Ende September dieses Jahres in einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“: „Es gibt eine weltweite Rekonstruktionswelle. Nationalismus ist auf dem Vormarsch. Es wird deshalb in vielen Ländern rekonstruiert.“6 Nun birgt die im vorigen Absatz beschriebene Wiederherstellung eines Altstadtgebietes – zuungunsten eines brutalistischen Verwaltungsbaus –vordergründig nicht die Gefahren der von Bauman beobachteten politischen Retrotopie. Sie hat sehr wohl ihre guten Seiten, wie etwa die [zumindest kulissenhafte] Wiederherstellung verloren geglaubter Baudenkmäler, oder die Vorteile der neuen Durchwegungen. Den in Frankfurt, aber auch in anderen Städten, wie etwa Berlin (Neues Schloss/Humboldt-Forum), zurzeit realisierten architektonischen Retrotopien aber haftet der Hauch des Pompösen, Exklusiven an. So gewissenhaft sie auch ausgeführt sein mögen, gleichen sie künstlichen Ersatz-Freiluftmuseen mit touristischer Profitmaximierung, gewissermaßen disneylandähnlichen Erlebnisparks. In Zeiten der von Bauman angesprochenen Nationalismen und des drohenden Zerfalls der Europäischen Union (siehe auch „Europadämmerung“ von Ivan Krastev)7 können rückwärtsgewandte architektonische Gesten, gebaute Retrotopien, an so prominenten Stellen wie in Frankfurt und Berlin leider immer auch als politische, nationalistische Gesten (miss-)verstanden werden, auch wenn sie nicht als solche intendiert waren. Hier ist absolute planerische Vorsicht geboten und inklusives, europäisches Denken gefordert.

1 Bauman, Zygmunt: Retrotopia, Berlin 2017, 13

2 Bundesverband der Deutschen Zementindustrie (Hg.): Betonatlas, Düsseldorf 1980, 34–38

3 Löw, Martina: Soziologie der Städte, Frankfurt a. M. 2008, 148–151

4 Ebda., 151–153

5 Göpfert, Claus-Jürgen: Es ist sicher etwas elitärer geworden, in: Frankfurter Rundschau, 8.5.2018, online unter: http://www.fr.de

  /frankfurt/frankfurts-neue-altstadt-es-ist-sicher-etwas-elitaerer-geworden-a-1501989 [15.10.2018]

6 Göpfert, Claus-Jürgen: Nationalismus ist auf dem Vormarsch, in: Frankfurter Rundschau, 27.9.2018, online unter: http://www.fr.de 

  /frankfurt/stadtteile/frankfurt-ost/altstadt-in-frankfurt-nationalismus-ist-auf-dem-vormarsch-a-1590508,0 [15.10.2018]

7 Krastev, Ivan: Europadämmerung. Ein Essay, Berlin 2017, 7–23