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Poet und Medien-Architekt

Luis Uip

„Warum willst du Architekt werden?“- diese typische Frage musste ich im 1.Semester an der TU Graz beantworten.
Meine Antwort war: „Naja, ich will es gar nicht. Ich will ein Poet werden.“ Mein Professor fragte mich, warum ich dann nicht Literatur studieren würde.

Damals fand ich, dass ein Literaturstudium eher was für die Literaturkritiker und nicht für die Literaturschaffen­den sei – vor allem nicht für einen Dichter.
Der Dichter ist der Rebell des literarischen Feldes – jemand, der bewusst gegen Grammatik verstößt und semantische Strukturen ausnutzt, um an Bereiche zu kommen, die eine konventionelle Sprache nicht errei­chen kann. Jedoch muss man seinen Feind sehr gut kennen, bevor man ihn besiegen kann, und ich kann mir keinen besseren Ort vorstellen, um über Grammatik und Zusammenhänge zu lernen, als Architektur.
 
Abgesehen vom abstrakten Verständnis der Literatur, die ich durch mein Architekturstudium lernte, konnte ich mir eine Vielzahl an Werkzeugen aneignen, die mir erlaubten, neue Gebiete meiner Poesie  zu erkunden. Ich lernte eine professionelle Kamera zu bedienen, 3D-Programme zu benutzen und sehr präzise Modelle zu bauen.

Ich fand viele Gemeinsamkeiten zwischen geschriebener Sprache und Raum. Mir wurde die Wichtigkeit des Kontextes in einem Gedicht klar. Ich fing an, Gedichte als Nachbarschaften und Worte als Gebäude zu sehen. Mir wurde klar, dass jedes Wort eine Funktion und eine ideale Position hat. Ein Wort an der falschen Stelle, und die Arbeit ist verwirrend.

Nachdem ich meinen Bachelor in Graz abgeschlossen hatte, machte ich meinen Master in Medienkunst an der Bauhaus-Universität in Weimar. Ich lernte zu programmieren, elektronische Geräte und Hilfsmittel zu verwenden und lerne Video-Mapping. Meine neuen Fähigkeiten machten es mir möglich, mit Literatur in einer innovativen Art und Weise zu arbeiten, und ich lernte die Medienkunstszene kennen.

Seitdem vermische ich diese Disziplinen. Manchmal ­sieht meine Arbeit wie Poesie aus, manchmal wie ­bildende Kunst oder Architektur und manchmal wie ein Programm. Alle diese Ergebnisse wären nie möglich gewesen, wenn ich Literatur anstelle von Architektur studiert hätte. Nun bin ich so etwas wie ein Medien-­Architekt der Wörter.

Interdisziplinäres Arbeiten
Wenn ich nicht Gedichte schreibe, experimentiere ich mit ihnen. Es gibt Architekten, die anhand von Text entwerfen – meistens geht es aber um den Inhalt, den der Text vermittelt, und nicht um die Form des Textes. Ich glaube, Poesie ist nicht nur der Inhalt, den sie vermittelt. Wie die Architektur hat auch die Poesie ein Muster, Struktur und Harmonie – ein großer Teil ihrer Schönheit hängt davon ab.

Jahrelang habe ich probiert, mit traditionellen Medien diese Verbindung herzustellen und fand es sehr schwie­rig, da die Aufgabe meistens zu subjektiv oder zu aufwendig schien. Nachdem ich in die Welt der Programmierung und der Automatisierung eingetaucht war, ergaben sich neue Möglichkeiten, die diese Verbindung zwischen Poesie und Architektur ermöglichten, ohne zu subjektiv oder zu ermüdend zu sein.

In einem meiner aktuellen Projekte, Poetry to Archi­tecture Translator, ist es mein Ziel, über Werkzeuge der Textanalyse Poesie bis auf ihren Kern zu zerlegen. Die daraus gesammelten Daten werden neu interpretiert, um eine Architektur zu generieren, die den Originaltext repräsentiert.
Phoneme werden zu Räumen, ganze Wörter werden zu Gebäuden, Rhythmen werden zu Brücken und so wei­ter. Farb- und Formpsychologie werden beachtet, um ein Modell oder Bild zu schaffen, welches die originale Stimmung des Gedichtes wiedergibt.
Mehr Infos zu diesem Projekt:
poetryarch.wordpress.com

Eine andere Herangehensweise zur poetisch-archi­tektonischen Übersetzung wurde letztes Jahr in Form einer mobilen App namens CubePoet entwickelt. Die App bringt eine neue Dimension in das herkömmliche E-Book. Es kommt mit fünf Gedichten und dazugehörigen Strukturen, die in 3D erkundet werden können – des Weiteren kann der Nutzer mit seinen eigenen Texten Muster kreieren.
Die App für Android gibt es gratis hier:
cubepoet.wordpress.com

Poesie
Meine Poesie unterscheidet sich oft in Form und Thema. Ich fing mit sich reimenden Liebesgedichten an, dann kamen sozial- und politikkritische Themen, in letzter Zeit schreibe ich konzeptuelle Arbeiten. Ich bin aber nicht zu streng mit der Einhaltung meiner Themen – es könnte sein, dass sich ab und zu ein Liebesgedicht in mein Repertoire schleicht:

Mein neuestes Poesiebuch hat den Titel Ciudad ­Desierta (~Verlassene Stadt) und behandelt das Thema Heimatlosigkeit.

Meine Einleitung zum Buch:

deserted city. cloud city.
you inhabit the gray page: the urban space. typological prison with semiotic guards. the static prose. the same word composed by the same letter. your limbs tense the atmosphere . terrestrial. You weigh the anchor of the organic poem that flies you over. Nostalgia of an inexistent home. the city of the distant. powerless. far away, further away. we say goodbye. you are a cloudy sailor with architect eyes. builder of lanterns in the middle of the winter. you are the womb of the sky´s fauna. you vanish.
there, where that what is inside me navigates the globe, there lies biggest mirror. I wait for you.

Meine Gedichte werden meistens in Spanisch geschrieben, einige werden aber auf Englisch oder Deutsch übersetzt. Wenn es um Lesungen geht, lasse ich gerne einen Einheimischen die übersetzten Version lesen, nachdem ich die Originalversion vorgetragen habe.
In letzten Jahren besuchte ich Lesungen in verschiedenen Teilen Europas und Südamerikas, darunter das zweite Literaturfestival in Kopenhagen, die internationale Büchermesse von Guatemala und letztens eine Lesung im Fachsprachenzentrum der Universität Bielefeld.


                                                                                                                                                                     Text: Petrit Vejseli