© 2019 by Philipp Glanzner

Moskau

(nur) eine stalinistische Utopie?

Maximiliane Seng

Russland hatte schon immer eine faszinierende und gleichzeitig mysteriöse Anziehungskraft auf mich. Ich glaube bis heute, dass die russische Mentalität eine ganz besondere Eigenheit hat und dabei trotzdem mit der unseren stark verwandt ist. Ein Besuch in der Hauptstadt Moskau verstärkt diesen Eindruck: Hochhäuser kennt man auch aus London, Metro fährt man ebenfalls in jeder europäischen Großstadt, aber dort ist es einfach etwas Anderes.

Denn so einzigartig wie die Moskauer selbst sind, ist auch ihre Architektur. Neben den goldenen Kuppeln, die man als Tourist gerne in einem Anflug von Romantik fotografiert, ist die Stadt stark durch die Zeit des Stalinismus geprägt. Man möge meinen, es läge an der Symbolik, an Hammer und Sichel, die sich über die Stadt verteilen, besonders gerne aufbereitet auf Schnapsgläsern oder der einen oder anderen Matroschka. Doch da ist etwas anderes, da ist mehr als plakative Propaganda.

Dort sind die sogenannten „Sieben Schwestern“, eines der großen Bauvorhaben unter Stalin, welches die Stadt heute immens prägt. Hochhäuser, die eben nicht die Macht des Kapitalismus ausdrücken wollen, sondern das genaue Gegenteil: der Kommunismus, der in seiner Größe alles Dagewesene in den Schatten stellt. Von diesen Bauten ist die Lomonossow-Universität am höchsten. Sie reckt sich, mit Wucht und Grazie, inmitten einer Parkanlage in die Luft. An Ornamentik reich und trotz gigantischer, mit Stern gezierter Spitze, wirkt sie fast kühl, distanzierend. Als Fremder, also als Nicht-Russe oder Student der Lomonossow-Universität, hat man übrigens keinen Zutritt. Dieser Bau im sogenannten „Zuckerbäckerstil“ (da die Ornamentik mit dem aufgesetzten Dekor an eine Torte erinnert) überragt mit seinen 240 Metern Höhe seine gesamte Umgebung. Nicht Kirchtürme, sondern die stalinistische Hochhausarchitektur wacht über die dort lebenden Menschen. Die weiteren Schwestern: das Außenministerium, das Hotel Ukraine, das Wohnhaus an der Kotelnitscheskaja-Uferstraße, das Haus am Roten Tor, das Hotel Leningradskaja, das Wohnhaus am Kudrinskaja-Platz. Sie sollen die Größe der Idee zeigen, der Ideologie, die weiterwachsen und sich in jener großen Form auch in Zukunft erheben soll.

Unter der Oberfläche erstreckt sich die Metro. Sie ist das Transportmittel der Zukunft; in ihre Bilder- und Ereigniswelt lassen sich Symbole und Gedanken speisen, die die Menschen den ganzen Tag begleiten. Um den Vergleich zu Kirchen noch einmal aufzugreifen: Hier kann man Bilder sehen, als wären diese zur Anbetung geschaffen (beispielsweise die skulpturale Ausführung in der Station am Revolutionsplatz), aber dennoch nah an den Menschen, verständlich und zugänglich. Die Metro kann hier verschiedenste Formen annehmen. So kann die eine U-Bahn-Station voller Kronleuchter sein, während die nächste in der Form schlichter, in der Materialität aber prunkvoller ist. Die Ideologie ist nicht an eine einzige Form gebunden, denn sie versteht sich auch in ihrer Formensprache als allumfassend.

Sosehr die Bauten der sowjetischen Utopie die Zeit überwinden und auch in unserer Generation als aktuell wahrgenommen werden wollen, so sehr wirken sie auf den heutigen Betrachter zwar beeindruckend, aber ein wenig aus der Zeit gefallen. Sie scheinen wie eine Zeitkapsel des blühenden Kommunismus des vorigen Jahrhunderts.

Die Avantgarde des beginnenden 20. Jahrhunderts, die heruntergebrochenen Formen, das Fehlen der Ornamentik, das versteht der Mitteleuropäer heute oft als zukunftsweisend. Diese Bauten gab und gibt es in der Hauptstadt Russlands ebenfalls.

Für den herkömmlichen Touristen versteckt, dennoch erhalten, steht das Wohnhaus des Architekten Konstantin Stepanowitsch Melnikow. Dieses Gebäude ist eines der oben genannten avantgardistisch-modernen Bauwerke. 1929 erbaut, stellt es eine andere Utopie dar. Eine Utopie der schlichten Formen, ein harter Kontrast zum Zuckerbäckerstil und eines der wenigen Privathäuser, die zu dieser Zeit erbaut wurden. Klare Linien, ein fast skulpturaler Eindruck, den der Bau durch seine Zylinderformen erwirkt. Ziegel statt Beton, Holz statt Stahl. Wo die stalinistische Architektur ewig wirken sollte, verwendet die avantgardistische im Gegensatz dazu nur Stein in den vorgeblendeten Fassaden. Ein harter Kontrast – dennoch sind diese Bauten von einem ähnlichen Grundgedanken geprägt: Das ist die Zukunft.

Eigentlich zeigt diese Nebeneinanderstellung bloß, dass in einer Stadt wie Moskau nicht nur eine (Architektur-)Utopie bestehen kann. Die meisten (Städte-)Bauprojekte werden von einer Idee getragen, von einer Sicht auf kommende Zeiten, sowie der Hoffnung auf Ewigkeit. Die Pluralität dieser Ideen macht einen Reiz aus, der in den meisten Städten täglich spürbar ist. Auch innerhalb einer Utopie selbst können sich mehrere Ideen und Stilformen finden, ohne einander zu widersprechen.

Vom Melnikow-Haus zum Außenministerium sind es übrigens ungefähr zehn Minuten Gehzeit. Welches der Gebäude man auch gerade betrachtet – im tiefen Inneren ist es eben doch nicht wie zu Hause. Man fühlt, man ist gerade in Moskau.