© 2019 by Philipp Glanzner

Schlussberg

Architektur der Erlösung

Eine überfällige Erregung von

Basileios Brezel und Maciej Musztarda

Er muss weg!

Seit Menschen diese ansonsten nicht völlig ungesegneten Landstriche bevölkern, leiden sie bittere Not und Qualen. Der Grund dafür ist ein sogenannter Berg, welcher frech und unnütz im weiten Felde der GrazerInnen daliegt und deren Leben von vornherein zur infernalischen Angelegenheit werden lässt – ja, lassen muss. Denn schon die Volkssage beweist seinen Ursprung als schieres Teufelswerk.

Über die Jahrtausende schädigt nun dieser unmotiviert und sinnlos daherexistierende Felsklotz Fauna (inklusive der menschlichen) und Flora, welche scheinbar willen- und hilflos seiner Tyrannei ausgeliefert sind. Nicht nur unterbindet dieses Übel durch seine bloße Anwesenheit die gedeihliche Entwicklung des Lebens und des Gedankenaustausches über die Wellen des Rinnsales des Murflusses – nein, auf eine Weise, die die impertinenteste ist, die sich denken lässt, beraubt er das Leben in seinem Osten täglich schon zu bald des optischen Zugangs zum Lichte der Sonne, versinkt diese doch hinter seiner Niederträchtigkeit allzu früh, und lässt alles in seinem Schatten seit jeher kläglich verkümmern.

Doch auch Menschenquäler und Tyrannen aus dem Menschengeschlecht selbst machten sich dieses Übel bald einmal zu Nutze und errichteten auf ihm brutale Zwingburgen, um eigenständiges Denken an seinem Fuße schon an der Wurzel auszureißen und geistige Unabhängigkeit schon beim Ersprießen auszurotten. 

Schließlich wurde mittels einer gefährlichen architektonischen Scheußlichkeit namens „Uhrturm“ das um jenen Klotz lebende Menschenvolk auch noch einer rücksichtslosen und dabei unausgesetzten Tyrannei, der Zeitmessung (der ja schon grundsätzlich eine Hysterie zugrunde liegt, der man nur baldigst die vollkommene Auslöschung wünschen kann), unterworfen.

Zu reden wäre freilich auch noch von der abgrundtiefen Hässlichkeit dieses derartige Qualen und Foltern hervorrufenden Objektes. Würden Sie, geneigte LeserInnen, in Ihrem sorgsam gepflegten Garten einfach so einen plumpen, und dort fortan nur zum Elend alles Übrigen dahinexistierenden, Stein positionieren? – Der rein rhetorische Charakter dieser Frage ist evident, denn wo und wie sollten denn dann die Radieschen wachsen?

Doch noch ist Rettung nicht nur möglich, sondern dank eines – als vollständig revolutionär zu bezeichnenden – Architekturprojektes, initiiert vom weltweit hochgeschätzten Architekturbiumvirat Musztarda & Brezel, sogar endlich in greifbarer Nähe!

Architektur ANSTELLE des teuflischen Erzübels! Schon allein eingedenk der gegebenen Ausgangsposition kann wohl kein Bauprojekt in der bisherigen Menschheitsgeschichte für seine Verwirklichung derart den Charakter umfassender Erlösung für sich in Anspruch nehmen wie das nun vorgelegte. 

Doch vor dem schöpferischen Erblühen jener heilsbringenden Architektur, deren Anspruch am Ende ja gar kein geringerer sein kann, als einer lange geplagten Bevölkerung – gleichsam im Gegenzug zu den bislang erlittenen Qualen – ein himmlisches Jerusalem irdisch zu machen, muss das Übel radikal beseitigt werden.

 


Der sogenannte Schlossberg muss weg!


Er muss weg! Aber auch nicht zuletzt, um Raum zu geben: einer Architektur, deren Entstehen aus der Vernichtung jenes Teufelswerkes heraus geradezu eine eschatologische Komponente im Hinblick auf den Jüngsten Tag innewohnt – geht es doch um nichts weniger, als den vollständigen und endgültigen Triumph über das Große Tier 666 und seine Werke, sprich die vollständige Erlösung der Menschheit!

(Das nur, um dieses bedeutende Projekt in den ihm zustehenden, korrekten Kontext zu setzen.)

 


Verschlucken statt sprengen

Die Flutung der im Kriege in den Berg gesprengten Stollen mit Himbeermarmelade und Grammelschmalz führt nach dem gültigen „Brezel- und Musztardaverfahren“ zu einer Kontraktion der oberen Erdschichten und infolge zum Verschlucken des Schlossbergs.

 


Merke: Konvulsion durch Infusion ergibt Inhalation.

Im Gegensatz zur ursprünglich angedachten Sprengung vermindert das Verschlucken das Feinstaubaufkommen erheblich. Der mitgeschluckte vorhandene Feinstaub verwandelt sich subkutan in himbeerrote Diamanten und wird das Bauprojekt „Wolkenbügel“ auf Generationen finanzieren.

Nach Vollzug dieses gigantischen felatinischen Vorganges in geologischem Maßstab, wie Musztarda und Brezel es zu bezeichnen pflegen, wird anstelle jenes Allübels ein gewaltiger Krater inmitten der nunmehr entplagten Metropolis Styriae seinen Schlund auftun.

Das architektonische Erlösungswerk nimmt seinen Lauf. Dieser als Mahnung an vergangene Pein erhaltene Abgrund bietet nun das ideale Terrain, um über ihm jenes Werk ungestüm in den Himmel schießen zu lassen, durch das jener Himmel nunmehr endgültig auf die Erde geholt wird.

Was anderen die Reise nach Jerusalem, nach Medina, nach Santiago de Compostela, Venedig, Rom, Paris, Las Vegas ist, ist uns die Fahrt nach Tiflis. Den dortig vorgefundenen grauen Betonbrutalismus transformiert das Birumvirat „Musztarda und Brezel“ durch schiere Dimension, leuchtende Farbig- und Lebendigkeit in einen Brutalismus des Lebens und der Freude für ein lachendes Graz.

Aus den Rändern des Kraters erheben leviathanische Steher aus gefärbtem Beton ein fraktales, modulares Wunderwerk in eine Höhe von gut fünfhundert Metern. Scheinbares Chaos ist in Wahrheit Neuorganisation aller vorstellbaren Dimensionen. Die drehbaren Elemente rotieren im Geiste des sträflich vergessenen Situationismus über einer Stadt, deren Westen und Osten nicht mehr im Schatten der unablässig auf- und untergehenden Sonne unterbelichtet frieren muss. Auch die arme Wickenburggasse wird endlich erleuchtet sein.

Der alles ausgreifende Charakter des Wolkenbügels ermöglicht den Grazerinnen und Grazern, woher sie auch immer seien, eine Entgrenzung ihrer bisherigen Beschränktheit, um sowohl über den blödsinnig langgezogenen plumpen Plabutsch hinweg zu blicken, wie auch den reaktionären Ruckerlberg gebührend zu übersehen.

Wer aber glaubt, dass in dem Krater ein Parkplatz gebaut, geschweige denn eine Tiefgarage in den gierigen Hals gesteckt wird, irrt gewaltig. Vielmehr emaniert der Wolkenbügel mit seiner Murkralle eine innige Verbundenheit des Flüssigen, sowie des Äthers, mit dem Festen und beendet die Vorherrschaft des verderblichen Blechgeschüssels.

Der neuangesiedelte australische Pied-Butcher-Bird stimmt zur allerhöchstmöglichen Erbauung der Anwohner und zur Beschämung der allenthalben hochgeschätzten, vorgeblich klassischen Musik tausendfach das Hohelied der Freiheit und Improvisation an.

In und um den Wolkenbügel herum darf ein jedes das seine tun und lassen, was es will und zwar völlig umsonst, in jedem Sinne.

Wie viele Menschen der Wolkenbügel fassen kann, ist aufgrund der situationistischen Innenarchitektur nicht genau definierbar. Ganz Graz aber jedenfalls.

Die Reminiszenzen an das Gewesene sind nichts anderes als die längst überfällige Neudeutung des Bestehenden zum Verständnis der überkommenen Verhältnisse. Jedes Denkmal entsteht auf den Schultern von Unterdrückten. Nicht so der Wolkenbügel, der ein futurologisches Zeichen sein wird.

Schon durch seine Umsetzung transformiert er die Realität in visionärer Weise. Er ist ein zuhöchst soziales Projekt. Alle reaktionären Unkenrufe dagegen werden unweigerlich den Weg durch den Siphon des Wolkenbügels in den Abfluss der Mur, auf den Misthaufen der Geschichte, gehen.

Wenn er denn endlich aufragen wird, ist der Wolkenbügel das tatsächliche Zeichen der Überwindung der bleiernen Zeit der Unterdrückung durch das Faktische und läutet ein neues goldenes Zeitalter ein, für den ersten Bezirk und den Kosmos.