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Die Verwandlung

Catherine Papst

© Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften, TU Graz

Modell, „Die Verwandlung", 2014

Jeder Mensch, der wirklich das Ziel hat, nach Europa einzuwandern, kann dies mithilfe der mobilen Grenze tun. Sie hat ihren Ausgangspunkt im Zentrum Europas, in Brüssel. In allen angrenzenden Ländern Europas befindet sich ein unterirdischer Eingang, welcher direkt nach Brüssel führt. Hier reihen sich die Einwanderer ein, um nach Europa zu kommen. Dieser unterirdische Eingang ist ein Rohr. All diese Rohre schließen sich in Brüssel zusammen. Hier ist nicht nur der Ausgang des unterirdischen Tunnelsystems, sondern gleichzeitig der Eingang in die oberirdische mobile Grenze. Die Rohre münden alle in einer unterirdischen Empfangshalle. Die Halle ist kegelförmig, mit einem Radius von 100 Metern und einer Höhe von 25 Metern. Die Spitze des Kegels formt sich zu einem Rohr mit fünf Metern Durchmesser. Hier ist der oberirdische Eingang. Eine Rolltreppe verbindet die Halle mit dem oberirdischen Eingang. Alle Immigranten bekommen sofort nach ihrer Ankunft in der Halle eine Nummer, an der sie erkennen können, der wievielte Immigrant sie sind. Sie müssen dann in der Halle warten, bis ihre Nummer auf der Rolltreppe erscheint. Wenn das passiert, kann der Einwanderungsprozess beginnen und die Verwandlung von einem Immigranten zu einem Bürger Europas vollzogen werden. Von nun an befindet sich der Immigrant, ungeahnt von den Bürgern Europas, auf seiner Verwandlungsreise. Angekommen im oberirdischen Teil der Grenze, im Rohr mit dem Durchmesser von fünf Metern, reiht er sich in die Schlange von Immigranten ein, die schon vor ihm da waren. In ihr werden die Ausländer der Reihe nach geprüft, um integriert zu werden oder festzustellen, ob sie integrationsfähig sind. Wenn man also auf der anderen Seite herauskommt, hat man die Verwandlung zum Bürger vollzogen. Die Prüfungen sind hart und da sich viele Menschen einreihen, wird das Rohr immer länger. Der Tunnel bietet genug Platz für Warteplätze an der Seite, wenn man eine Nummer an einer Station ziehen muss und einzeln geprüft wird. An einer solchen Station gibt es dann eine Abzweigung, die einen zu einer früheren Station zurückbringen kann, wenn man die Prüfung nicht schafft. Auch an besonders schweren Stellen gibt es Ausbuchtungen im Rohr. Hier können Immigranten übernachten oder essen. Diese Schlafmöglichkeiten sind nicht sehr groß und bieten kaum genug Platz für alle. Auch die Bewegungen und Geräusche, welche die mobile Grenze verursacht, macht ihnen das Leben im Bauch dieser Schlange nicht gerade leicht. Auch sind die Lernunterlagen für die Prüfungen nicht leicht zu ergattern. Man erhält bessere Lernunterlagen, wenn man in den Prüfungen bessere Ergebnisse erzielt. Die Schlange wird zu einem immer komplexeren Gebilde, das sich durch den Himmel zieht. Je weiter die Immigranten in der Schlange nach vorne rücken, umso besser werden ihre Lebensumstände in der Schlange. Die Schlange wird breiter und komfortabler. Die Immigranten haben hier mehr Platz. Sie bekommen besseres Essen und Kleidung. In dem nun mit 7 Metern Durchmesser weitgehend großzügigen Rohr werden die Immigranten in europäischer Geschichte und Geographie geprüft. Aber man kann durch schlechte Prüfungsergebnisse immer wieder hintan gereiht werden. Weiter vorne – in einem breiter werdenden Teil – werden auch ihre Umgangsformen geprüft und ihre Sitten und Manieren an europäische Normen angepasst. Man braucht nicht nur das Wissen, sondern auch die Manieren eines Europäers. Wenn die Immigranten auch diesen Teil meistern, führt sie eine Schleuse in einen gut und modern ausgestatteten Bereich der Schlange. Hier können sie über Bildschirme das bunte Treiben in allen großen Städten beobachten. Auf diesen Bildschirmen laufen auch regelmäßig Werbeeinschaltungen. Hier werden sie in Sprachen, Mode und Marken geprüft. Niemand lehrt sie diese Sachen – es ist wichtig, dass die Immigranten aus ihrer Beobachtung verstehen lernen, warum solche Sachen in Europa wichtig sind. Noch weiter vorne in der Schlange leben die „Prüfer“. Auch sie sind Immigranten, aber haben sich schon angepasst und sprechen fließend alle Sprachen Europas. Sie verbringen nun ihre Zeit mit dem Studium eines Berufs und mit dem Prüfen der Neuzugänge. Ihr Teil ist breiter und bietet mehr Komfort. Im Rohrteil mit neun Metern Durchmesser leben sie luxuriös. Von einem Zwischenraum führen Gänge zurück zu den einzelnen Prüfungsstationen. Die „Prüfer“ sind zahlenmäßig den Immigranten weit unterlegen. Wer ein „Prüfer“ ist und es schon so weit in der Schlange gebracht hat, genießt hohes Ansehen. In der Regel wird auch das Verhalten gegenüber dem „Prüfer“ bewertet. Die „Prüfer“ selbst nennen sich nicht ohne Stolz „Prüfer“. Weiters werden die Immigranten im vorderen Teil der Schlange von Firmen beobachtet. Diese können einzelne Immigranten, von denen sie denken, sie hätten Potenzial, sponsern. Die Sponsoren beobachten die Fähigkeiten der Immigranten und bieten ihnen die Möglichkeit, besseres Essen, bessere Prüfungsergebnisse oder Passierscheine für die nächste Station zu erhalten. Jeder Immigrant ist natürlich bemüht, einen Sponsor zu finden und versucht, sich durch Benehmen und Prüfungsergebnisse hervorzutun. Ein Sponsor kann einem die Zeit in der Schlange erheblich verkürzen und eine gute Arbeit mit hohem Verdienst in Europa ermöglichen. Der Immigrant könnte auch schon in der Schlange eine fachspezifische Ausbildung erhalten. Aber ein Sponsor kann einen auch sehr schnell wieder fallen lassen, wenn er einen Immigranten mit mehr Potenzial entdeckt. An der Spitze der Schlange, die wiederum durch eine lange Schleuse vom Rest getrennt ist, befindet sich dann ein Rat der „Beinahebürger“. Diese entscheiden mittels demokratischer Abstimmung, wohin sich die Schlange bewegt und wer von ihnen ein Bürger wird. Der Schlangenkopf ist eine Sphäre mit einem runden Tisch, welcher 28 Plätze hat. Sobald einer aus dem Rat die Verwandlung zum Bürger vollzogen hat, rückt ein anderer Immigrant nach. Somit wird dann ein „Prüfer“, welcher seine Ausbildung abgeschlossen hat, zum „Beinahebürger“. Sie haben alles Wissen, das sie brauchen, um nach Europa einzwandern und später ein stabiles Leben zu führen. Mittels Abstimmung wird also bestimmt, wer der Glückliche ist, welcher sich „Europäer“ nennen darf. Als gewählter Vertreter der Schlange darf er nun entscheiden, wohin er möchte. Die „Beinahebürger“ leben in einer großen Sphäre mit einem Durchmesser von 15 Metern. Ihre Wohnungen sind um den runden Tisch angeordnet. Nur das Kopfende ist offen. Hier befindet sich eine bewegliche Rampe, von welcher der kommende Bürger hinuntergelassen wird. Die Schlange selbst schlängelt sich durch die Luft. Pfeiler stützen den langen, fragilen Körper. Somit erstreckt sich diese verwirrende Linie quer über Europa. Die Schlange baut sich stets von selbst weiter. Sie dockt ihre Pfeiler immer an den Grenzen und Botschaften Europas an, nie direkt an ein Land Europas. Die mobile Grenze ist ein Zwischenraum, ein Verwandlungsraum, genau wie die Landesgrenzen Europas. Die Grenzen Europas sind auch Niemalsländer. Sollte jemand sich in der Reihung nach vorne mogeln wollen, wird er wieder zurück in sein Land geschickt und darf sich nicht mehr in die mobile Grenze einreihen. Da immer mehr Immigranten nach Europa wollen wird die Schlange länger und länger und komplexer. Die Prüfungen werden härter und die Prüfungsergebnisse müssen besser werden. Die Immigranten stehen unter einem Leistungsdruck, um nicht in der Schlange stehenzubleiben. Manche zirkulieren lange in einem Abschnitt. Ihre Hoffnung, nach Europa zu kommen, wird zunehmend geringer. Während ein Immigrant schnell in der Schlange nach vorne kommen kann, ist es möglich, dass es ein anderer Immigrant niemals schafft, ein „Beinahebürger“ zu werden. Die Lebensbedingungen nahe dem oberirdischen Eingang in Brüssel sind rau – niemand will dort länger bleiben als notwendig – und sie werden durch den Andrang der Menschen immer rauer. Die Essensversorgung hier ist mangelhaft. Durch Spenden werden die Lebensmittel finanziert. Die Immigranten in der Schlange können jederzeit wieder zurück in ihr Heimatland, wenn sie dem Druck nicht gewachsen sind. Diese Möglicheit besteht immer, niemand zwingt sie, hier zu sein. Mit der mobilen Grenze geht man keinen Pakt ein. Es ist ein Ort, an dem man sich freiwillig befindet. Wenn man seine Meinung ändert, kann man also immer in sein vorheriges Land zurückkehren. Doch manche Menschen versuchen, in die Illegalität zu flüchten. Sie versuchen, durch die Lüftungsschlitze an den Außenwänden der Schlange nach draußen zu gelangen. Manche Menschen schaffen es, aber die meisten werden gefasst und ausgewiesen. Für Ordnung in der Schlange sorgen die Immigranten selbst. Sie wollen nicht, dass irgendwelche illegale Einwanderer ihren guten Ruf zerstören. Die Abfälle der Schlange werden direkt in die Heimatländer der Immigranten transportiert. Somit entsteht kein Schaden für Europa. Aus der Sicht der Europäer mutet das Gebilde eigenartig an. Sie sehen, wie sich die Schlange durch die Luft bewegt. Sie sehen auch, welche Flut von Immigranten nach Europa will. Das Gebilde macht ihnen Angst. Die Schlange baut sich in rasantem Tempo weiter. Sie wissen: In dieser Schlange sind Unmengen von Menschen, die nach Europa wollen. Sie sehen auch nicht in die Schlange. Die Fenster der Schlange befinden sich an der Oberseite und können nicht eingesehen werden. Für sie sind die Zustände in der Schlange ein Rätsel. Doch sie wissen, dass die Immigranten, die zu Bürgern werden, integriert sind und einen Nutzen für die Wirtschaft bringen. Es ist ihnen also bewusst, dass dieses System die Immigranten auch in Schach hält und sind beruhigt. Sie sind froh, dass es die mobile Grenze gibt. Die Menschen sehen also nur die mobile Grenze. Sie wissen nicht, welcher Nation der Immigrant in ihr angehört. Für sie sind alle Immigranten gleich. Erst als vollwertiger Bürger Europas kann der Immigrant akzeptiert werden. Erst wenn er die Verwandlung vollkommen vollzogen hat, tritt er aus der Grenze. Dann ist er vom Immigranten zu einem freien Bürger Europas geworden und kann willkommen geheißen werden!