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Einsichten und blinde Flecken

Kanonisierung als politisches Handeln

Antje Senarclens de Grancy

Foto © Lynn Gilbert, 1978, Wikimedia Commons

Denise Scott Brown, 1978

Aus den Tiefen des Reservoirs der Architekturgeschichte gelangt immer wieder eine bislang unbekannte Architektin, ein vergessenes historisches Bauwerk oder auch eine stilistische Phase der Architektur an die Oberfläche unserer Aufmerksamkeit. Wie kommt es aber dazu? Und warum bleiben manche ArchitektInnen zurück und werden vergessen, ausgeblendet oder ignoriert, während andere durch Ausstellungen, Bücher oder Forschungsprojekte gewürdigt und in einen disziplinären Kanon oder gar in nationale Geschichtsnarrationen oder in Listen des kulturellen (Welt-)Erbes und der „Iconic Buildings“ aufgenommen werden?

Bei der Frage nach den Motiven und Bedingungen architekturhistorischer Rezeption – und ebenso der Nicht-Rezeption – lässt sich mit Pierre Bourdieus Theorie des kulturellen Feldes1 behaupten, dass ein architektonisches Werk sich nicht quasi selbst autonom durchsetzt und als a priori wertvoll erweist. Vielmehr wird es mittels individueller und kollektiver Aktionen und in Konkurrenz zu anderen Werken durchgesetzt. Dies erfolgt durch die Anstrengungen von EinzelakteurInnen, Gruppen und Institutionen, die aus unterschiedlichen Motiven und nach ganz bestimmten Kriterien diesen Werken – verbal und nonverbal – Wert zuschreiben.2 Anerkannte ArchitektInnen verdanken ihren Erfolg auf diese Weise einem Gewinn an symbolischem Kapital im kulturellen Feld der Architektur. Sie können diese Prozesse auch selbst beeinflussen, etwa durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache, wie es beispielsweise Le Corbusier meisterhaft verstand.

 

Kanon

Beim Hervorholen aus dem Reservoir der Architekturgeschichte werden Hierarchien gebildet und Grenzen gezogen. Das wird besonders deutlich, wenn die Rezeption eines bestimmten Werks, einer Architektin oder einer Entwurfsidee sich zu einem Kanon entwickelt, im Sinne eines Wertmaßstabes, dessen Gültigkeit von einer bestimmten Gruppe allgemein anerkannt wird.

Wertmaßstäbe, mit denen wir Bauwerke und deren UrheberInnen messen, sind nicht per se vorhanden, sondern werden diskursiv ausverhandelt und durch kollektiv formulierte Leitbilder sowie gesellschaftliche und politische Deutungsstrategien konstruiert. Ob und nach welchen Kriterien ein Gebäude, eine Architektin oder ein Architekt als bedeutend erachtet, in einem Text besprochen oder in ein Nachschlagewerk oder Denkmälerinventar aufgenommen wird, hängt davon ab, wie die Auseinandersetzungen zwischen den AkteurInnen des Feldes ausgehen.

Kanon bedeutet auch immer eine Vorauswahl als Ergebnis von vielfältigen Selektionsentscheidungen. Der Hervorhebung der „zentralen“ Bauten, der „wichtigsten“ ArchitektInnen, der „bedeutsamsten“ Strömungen, etwa in einem Architekturführer, steht zwangsläufig die Abwertung, Ausgrenzung, Ausblendung und Marginalisierung, oder zumindest das Nicht-Erzählen und Übersehen anderer gegenüber. „Die Integration in den Kanon ergibt sich“, so Barbara Lange, „tatsächlich nicht aus dem Werk, sondern aus dem Wertsystem, das hinter der Kanonbildung steht.“3

Ein Beispiel dafür, wie sich allgemeine gesellschaftliche Leitbilder – in diesem Fall die sozialen Unterscheidungen in Bezug auf die Geschlechter – auf den Kanonisierungsprozess auswirken, ist die „Pritzker Controverse“ im Bezug auf Denise Scott Brown, die Büropartnerin (und Ehefrau) von Robert Venturi, die maßgeblich an den heute als ikonisch bezeichneten Texten und Projekten des Teams beteiligt war: 1991 wurde Robert Venturi allein mit dem Pritzker-Preis, einem der weltweit angesehensten Architekturpreise, ausgezeichnet. Die Begründung der Jury war, dass nur Einzelpersonen ausgewählt werden können (was sich 2001 mit der Prämierung von Herzog & de Meuron ändern sollte). Eine Auszeichnung der Einzelperson Denise Scott Brown – stellvertretend für das Büro – scheint hingegen gar nicht zur Debatte gestanden zu sein.

Auf diesen eklatanten Missstand aufmerksam geworden, startete 2013 die Studierendeninitiative „Women in Design“ eine Online-Petition, um die nachträgliche Auszeichnung von Scott Brown einzufordern.4 Bis heute hat die Petition mehr als 20.000 Unterschriften gesammelt, bisher jedoch ohne Erfolg. Der Kampf um symbolisches Kapital im Feld der Architektur ist hier also bisher noch nicht positiv ausgegangen. In Denise Scott Browns Essay „Room at the top? Sexism and the Star System in Architecture“ können die Erfahrungen der Architektin im Arbeitsalltag nachgelesen werden. Sie hatte diesen Text bereits 1975 geschrieben, veröffentlichte ihn jedoch, da sie berufliche Nachteile befürchtete, erst 1989. Dass sich gesellschaftliche Leitbilder aber auch verändern und Frauen in ihrer Rolle als weltweit agierende Architektinnen anerkannt werden, zeigt die Pritzker-Preisverleihung an Zaha Hadid im Jahr 2004.

 

Einsichten

Die Kanonfrage wird in Bezug auf die Bildende Kunst und Architektur seit den 1980er-Jahren diskutiert, zunächst im Hinblick auf die „Unterlassungssünden“5 (Nanette Salomon) des kunsthistorischen Kanons in Bezug auf Frauen, aber auch auf soziale Minderheiten und Randgruppen und in Opposition zu den traditionellen Auswahlkriterien für „hervorragende“ Werke: der Erfindung (Originalität, Innovation, Genieleistung) und des Einflusses (Rezeption, Übernahme des Modells durch andere).

Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann fasst drei Einsichten zusammen, die das Problem kanonbildender Ein- und Ausgrenzung ins Zentrum gerückt haben: 1. die Einsicht „in den lebenswichtigen Zusammenhang von kultureller Überlieferung und kollektiver Identität“, 2. die Einsicht „in die Vielheit, Verschiedenheit und gegenseitige Ausschließlichkeit kultureller Identitäten“ und 3. die Einsicht „in die Entwertung weiblicher Kulturpotentiale durch männliche Dominanz sowie in die Zerstörung indigener Traditionen durch koloniale Herrschaft“.6 Wurde die Frage nach dem Kanon als hegemoniales Konzept im Sinne von Dominanz und Machtverhältnissen zunächst – auch in der Kunst- und Architekturgeschichte – vorwiegend von jenen gestellt, die aus diesem ausgeschlossen waren, so ist diese mittlerweile im Zentrum der Disziplin angekommen.

Heute kann eine globale Architekturgeschichte der Moderne wohl seriöserweise nicht mehr ohne die Integrierung theoretischer Ansätze der Postcolonial und Gender Studies, und nur mit einer Perspektive auf die vielfältigen Übersetzungen und Aneignungen der Ideen der Moderne in außereuropäischen Ländern, ob in der Türkei, Libyen oder der Mandschurei geschrieben werden.

 

Agieren

Verständnis und Interesse für historische Bauten oder bestimmte Architekturschaffende wecken zu wollen, erfordert Argumente und Überzeugungsarbeit und ist in diesem Sinn ein eminent politischer Akt. Zu den PlayerInnen auf dem Spielfeld der öffentlichen Aufmerksamkeit gehören Einzelpersonen wie ArchitekturkritikerInnen, KunsthistorikerInnen und politische EntscheidungsträgerInnen, aber auch Institutionen wie Universitäten, Forschungsförderungsstellen, Verlage, Denkmalschutzbehörden und Bildarchive.

Gerade die Architektur der Nachkriegsmoderne – und damit die Frage ihres Wertes für eine heutige Gesellschaft – wird in den letzten Jahren weltweit über Social Media und Online-Petitionen verhandelt. Es vergeht kaum eine Woche, wo nicht ein internationaler Unterstützungsaufruf für ein vom Abbruch gefährdetes Bauwerk ins Netz gestellt wird. Die Abstände von der Entstehungszeit bis zur Gegenwart werden dabei immer kürzer, mittlerweile geht es schon um die 1990er-Jahre. So fordert eine aktuelle Petition die Erhaltung des 1996 errichteten Flügels des Museum of Contemporary Art San Diego, das vom bereits erwähnten Büro Venturi Scott Brown & Associates geplant wurde. Selbst Ausstellungen musealer Institutionen wie „S.O.S. Brutalismus“ (DAM, 2017/18) übernehmen zunehmend eine neue Rolle, bei der es nicht nur um Dokumentation und Analyse geht, sondern darum, dem Untersuchungsgegenstand überhaupt erst einmal seine Existenz zu sichern. Bauten oder ArchitektInnen, die keine Lobby dieser Art finden, verschwinden aus unserem Blickfeld.

Wie kollektive Wertvorstellungen sich auf die Auswahl der in einen Kanon aufgenommenen Bauten auswirken können, zeigt ein Blick auf die Rezeptionsgeschichte des 1919 bis 1933 bestehenden Bauhauses, dessen 100 Jahr-Jubiläum gerade zu einem weltweiten Massenmedienereignis um das Label Bauhaus hochstilisiert wird. Das Bild, das heute von dieser Institution vermittelt wird, geht auf deren Kanonisierung in Westdeutschland und den USA nach 1945 zurück. Paul Betts hat gezeigt, dass die Kanonisierung des Bauhauses als kulturelle Strategie erfolgte und als „Waffe im Kalten Krieg“ eingesetzt wurde.7

Das Bauhaus bot – als Vertreter einer vom Nationalsozialismus nicht kontaminierten Vergangenheit – die Möglichkeit, an eine liberal-demokratische Traditionslinie (die Weimarer Republik) anzuschließen. Mit dem „amerikanisierten“ Bauhaus und Walter Gropius als dessen Repräsentant konnten die Westbindung der Bundesrepublik Deutschland, Antifaschismus und Antikommunismus befördert werden. Voraussetzung dafür war jedoch eine Entpolitisierung der Geschichte des Bauhauses, im Besonderen eine Verdrängung der linken Tendenzen, jedoch auch der – weniger dominanten – nationalsozialistischen Elemente innerhalb dieser Institution, die überhaupt erst in den 1990er-Jahren durch den differenzierteren, für Zwischentöne und Widersprüche offenen Blick einer nun „postmodernen“ Architekturgeschichtsschreibung aufgedeckt werden konnten.

1 Bourdieu, Pierre: Zur Soziologie der symbolischen Formen, Frankfurt a.M. 61997, 75–124.

2 Vgl. Anz, Thomas: „Einführung“, in: von Heydebrand, Renate (Hg.): Kanon Macht Kultur. Theoretische, historische und soziale Aspekte ästhetischer Kanonbildungen, Stuttgart/Weimar 1998, 3–8, hier 7.

3 Lange, Barbara: „Offener Kanon? Erfahrungen aus der Praxis“, in: Köth, Anke/Krauskopf, Kai/ Schwarting, Andreas (Hg.): Building America. Eine große Erzählung, Dresden 2008, 239–253, hier 240.

4 https://www.change.org/p/the-pritzker-architecture-prize-committee-recognize-denise-scott-brown-for-her-work-in-robert-venturi-s-1991-prize.

5 Salomon, Nanette: „Der kunsthistorische Kanon – Unterlassungssünden“, in: kritische berichte 21,4 (1993), 27–37.

6 Assmann, Aleida: „Kanonforschung als Provokation der Literaturwissenschaft“, in: Heydebrand 1998 (wie Anm. 2), 47–59, hier 48.

7 Betts, Paul: „Das Bauhaus als Waffe im Kalten Krieg. Ein Amerikanisch-Deutsches Joint Venture“, in: Oswalt, Philip (Hg.): Bauhaus Streit. 1919–2009. Kontroversen und Kontrahenten, Ostfildern-Ruit 2009, 196–213.