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Räume der Macht:

Foucault und die Heterotopie Gefängnis

Ella Berger

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Justizanstalt Josefstadt

Es gibt gleichfalls – und das wohl in jeder Kultur, in jeder Zivilisation – wirkliche Orte, wirksame Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplatzierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können.1

 

Nirgendwo ist das Thema Raum beim französischen Philosophen Michel Foucault (1926–1984) so präsent wie in seinem Radiovortrag „Die Heterotopien“ (1966)2 und seinem Aufsatz „Andere Räume“ (1967). Der Begriff der Heterotopie versammelt vollkommen andere Räume: Von träumerischen Orten, an denen Kinder utopische Phantasien zum Leben erwecken, wie dem Garten, dem Indianerzelt am Dachboden oder dem Bett der Eltern an einem schulfreien Tag, bis hin zu Orten der Repression und Gewalt, wie dem Gefängnis oder, in manchen Fällen, der psychiatrischen Klinik. In Räumen, die ansonsten durch ihre Verschiedenheit auffallen würden, sieht Foucault die Gemeinsamkeit der Andersheit.

 

Ein weitaus prominenteres Thema bei Foucault als die Räumlichkeit ist jenes der Macht. Es fällt nicht schwer, Schnittstellen zwischen den beiden Gebieten Raum und Macht zu finden – weder bei Foucault, noch im Alltag. Ist nicht jeder Raum von Machtgefügen durchzogen? Denken wir an all jene Räume, die von Hierarchien durchzogen sind: Schulen, Universitäten, fast alle Arbeitsplätze und sogar das Zuhause. Aber auch Räume, in denen keine offensichtlich repressive Macht vorkommt, beinhalten das, was Foucault „strategische Spiele“ nennt, also Machtbeziehungen im Sinne eines wechselseitigen Handelns, die auf das Handeln des oder der anderen einwirkt.3 Doch es gibt Orte, an denen Macht nicht bloß stattfindet, sondern in denen eine enge Verwobenheit der beiden Elemente aufscheint. In anderen Worten: Es gibt Machtelemente, die nicht bloß im Raum, sondern anhand des Raumes stattfinden. Man könnte sogar von einer der Macht intrinsischen Räumlichkeit sprechen.

 

Betrachten wir vorerst noch einmal den Begriff der Heterotopie. Wir alle haben schon von Utopien gehört, von Nicht-Orten, die keinen wirklichen Raum haben. Utopien sind meist die imaginären Orte einer besseren oder, als Dystopien, düsteren Welt; Räume, die wir als Gesellschaft anstreben oder um jeden Preis vermeiden sollen. Die Heterotopien hingegen befinden sich überall, sie prägen unser aller Leben. Manche werden einige von uns nie betreten (und doch wissen wir von ihnen), durch andere spazieren wir täglich ein und aus. Obwohl sie so alltäglich sind, ist es schwierig, sie in eine Definition zu gießen, denn sie haben keine positive Eigenschaft, die sie alle vereint. Stattdessen schlägt Foucault eine „Heterotopologie“ vor, eine Art Konzeptualisierung der Heterotopien, welche sechs Grundsätze umfasst:

  1. Es gibt in jeder Kultur der Welt Heterotopien.

  2. Jede Heterotopie hat eine bestimmte Funktion, die sich aber im Laufe der Zeit verändern kann.

  3. Heterotopien können mehrere sonst unvereinbare Räume vereinen.

  4. Sie sind oft an Zeitabschnitte gebunden.

  5. Sie sind durch besondere Systeme von Öffnung und Schließung gekennzeichnet.

  6. Sie haben dem restlichen Raum gegenüber eine Funktion.4

 

Beispiele für Heterotopien sind Kliniken, Altersheime, Gefängnisse, Friedhöfe, Theater, Gärten, Museen, Festwiesen, Saunas und Kolonien. Nicht jede Heterotopie erfüllt alle Grundsätze, doch sie lassen sich strukturalistisch darstellen. Das heißt, sie grenzen sich voneinander ab, stehen in Bezug zueinander, enthalten und widersprechen sich. Die Heterotopien sind also durchwegs anders als die restlichen Räume, aber sie sind uns doch bekannt oder sogar vertraut. Indem sie sich von den „normalen“ Räumen abgrenzen und sie zugleich (oder gerade durch diese Abgrenzung) repräsentieren, bedeutet ihr Betreten ein Aussteigen aus der Gesellschaft, der Kultur und zugleich ein intensives Eintauchen. Sie zeichnen uns aus, indem sie aufnehmen, was wir anhimmeln und verstoßen. Sie sind Orte, die mit verschiedenen Bedeutungen aufgeladen sind. Eine dieser Bedeutungen ist das Phänomen der Macht.

 

Es gibt unzählige spannende Heterotopien, die als solche analysiert werden können. Doch keine verbindet die Themen Raum und Macht so prägnant und so anschaulich wie das Gefängnis. Dieser Ort findet im Aufsatz „Andere Räume“ nur kurz Erwähnung, aber er hat Foucault im Laufe seines akademischen wie auch außeruniversitären Wirkens sehr beschäftigt. Zumindest am Rande sollte hier erwähnt werden, dass Foucault eines der bedeutendsten Mitglieder der 1971 gegründeten G.I.P. (Gruppe Gefängnisinformation) war. Diese setzte sich in einer Zeit, in welcher kaum Informationen über Geschehnisse in Gefängnissen aus diesen herausdrangen, dafür ein, dass Gefangene öffentlich zu Wort kommen. Eines der prominentesten Werke Foucaults erschien 1975: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses beschäftigt sich mit der Entwicklung der modernen Strafsysteme.

 

Das Gefängnis zählt zu den sogenannten „Abweichungsheterotopien“. Diese sind Orte, in welche Individuen gesteckt werden, deren Verhalten von der Norm abweicht. Andere Beispiele sind das Erholungsheim und die psychiatrische Klinik.5 Das abweichende Verhalten im Falle des Gefängnisses ist das Missachten der geltenden Gesetze im Gegensatz zur Norm des Gehorchens. Gefängnisse gleichen einander freilich nicht, sondern unterscheiden sich von Ort zu Ort und Zeit zu Zeit. Das abweichende Verhalten wird aber in jedem Fall unterdrückt oder zumindest zu unterdrücken versucht. Sehen wir uns die formale Ebene der Grundsätze an. Das Gefängnis illustriert besonders die letzten drei Grundsätze. Die Funktion, die das Gefängnis gegenüber dem restlichen Raum hat, ist deutlich (Grundsatz 6). Es trennt Menschen, die sich nicht an gewisse Gesetze gehalten haben, von den anderen. Weshalb wir strafen, ob es sich also um den Versuch einer moralischen Besserung, eine Vorbeugung zukünftiger Straftaten oder ein Beschützen der restlichen Bevölkerung handelt, ist dafür irrelevant. Auch das besondere System von Öffnung und Schließung ist klar ersichtlich (Grundsatz 5). Man wird als InsassIn in der Regel gezwungen, ins Gefängnis zu gehen und kann dieses erst nach einer gewissen Zeit und unter gewissen Umständen verlassen. Aber auch BesucherInnen und Angestellte müssen ein bestimmtes Prozedere durchlaufen, um das Gefängnis betreten zu können. Das Element des Zwanges geht für die Gefangenen aber weit über den Eintritt hinaus, denn auch das Verhalten während der Zeit im Gefängnis unterliegt einem mehr oder weniger starken Zwang, ist doch der Freiheitsentzug und somit die Auferlegung von Zwang das Grundkonzept des Gefängnisses. Insofern ist die Heterotopie Gefängnis auch an eine „Heterochronie“ gebunden (Grundsatz 4). In der Tat brechen Menschen mit ihrer herkömmlichen Zeit. Der Eintritt ins Gefängnis bedeutet eine – manchmal endgültige – Trennung von der Homochronie des Alltags. Das Gefängnis ist also durch und durch ein anderer Raum. Es ist ihm inhärent, von den restlichen Orten getrennt zu sein und deren Homogenität zu schützen, indem er das Abweichende und Heterogene in sich aufnimmt, oft mit dem Ziel, dieses wieder in die Norm einzugliedern. Es ist ein Ort des Ausschlusses, der mit allen anderen Räumen verbunden ist, aber diesen doch radikal gegenübersteht.

 

In Überwachen und Strafen geht Foucault auf einen Ort ein, welcher Räumlichkeit und Macht so substanziell wie nur denkbar vereint: das Panoptikum. Ursprünglich wurde dieses 1787 vom Sozialphilosophen Jeremy Bentham entworfen. Es sollte als Grundlage für alle möglichen Einrichtungen dienen, in denen Personen unter Beobachtung stehen sollen – insbesondere, aber nicht ausschließlich, Gefängnisse. Mehr oder weniger dem Ursprungsprinzip getreu diente es einigen Institutionen als Vorbild, z.B. dem Pentonville-Gefängnis in London (erbaut 1842), dem Stateville Correctional Center im US-Bundesstaat Illinois (erbaut 1925) und dem Gefängnis auf der italienischen Insel Santo Stefano (erbaut 1795), wobei letzteres nicht mehr in Betrieb ist. Das Panoptikum besteht aus einem ringförmigen Gebäude an der Peripherie und einem Turm in der Mitte, dazwischen befindet sich ein leeres Areal. Das Ringgebäude besteht aus einzelnen Zellen, die von zwei Seiten lichtdurchflutet sind, sodass der oder die darin Gefangene jederzeit vom Turm aus sichtbar ist. Die Person, die sich im Turm aufhält6 und die Gefangenen bewacht, ist jedoch nicht von den Zellen aus erkennbar, bzw. ist gar nicht ersichtlich, ob sich überhaupt jemand im Turm aufhält. Es findet eine doppelte räumliche Trennung statt: Zusätzlich zur Abgrenzung der panoptischen Einheit vom normalen Raum sind die Gefangenen durch den Aufbau der Zellen voneinander getrennt. Das Panoptikum verwirklicht zugleich Sammelstelle und Isolierung. Die Gefangenen befinden sich in unmittelbarer räumlicher Nähe und sind doch unweigerlich voneinander getrennt.7 Jede Form der Machtausübung im Panoptikum beruht also auf einer Instrumentalisierung des Raums. Das Gefängnis ist eine besonders auffällige Form der Heterotopie und findet im Panoptikum, diesem Idealbild einer totalen Überwachungsanstalt, seine utopische Pointe. Durch andere Heterotopien gehen wir hingegen ständig. Sie werden zur Gewohnheit und wir vergessen ihre Andersheit, ihre Beladung mit Bedeutung, die unseren Alltag prägt.

1 Vgl. Foucault, Michel (1967): „Andere Räume“, in: Barck, Karlheinz (Hg.): Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Leipzig 1993, 34–46, hier 39.

2 Vgl. Foucault, Michel (1966): Die Heterotopien. Der utopische Körper. Zwei Radiovorträge, Frankfurt a. M. 2005.

3 Vgl. Foucault, Michel (1982): „Subjekt und Macht“, in: Defert, Daniel/Ewald, Francois (Hg.): Analytik der Macht, Frankfurt a. M. 2017, 240–263, hier 243.

4 Vgl. Foucault, Michel (1967): „Andere Räume“, in: Barck, Karlheinz (Hg.): Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Leipzig 1993, 34–46, hier 40–45.

5 Ebd., 40.

6 Vgl. Bentham, Jeremy (1787): „Panopticon, or, The Inspection-House“, in: Božovič, Miran (Hg.): The Panopticon Writings, London/New York 1995, 31–95, hier 35 f.

7 Vgl. Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt a. M. 1976, 255.