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Notre-Dame brennt!

Was jetzt?

Maximiliane Seng

Credits: WIkimedia Commons

Kathedrale Notre-Dame de Paris, Frankreich, um 1860

15. April 2019. Dieses Datum wird in den kommenden Jahrhunderten in den Geschichtsbüchern stehen. Die Kathedrale Notre-Dame de Paris brennt! Das Herz von Paris steht in Flammen. Die ganze Welt sieht dabei zu, wie der Vierungsturm langsam dem lodernden Feuer nachgibt. Wieso der Brand entstanden ist und was noch übrigbleiben wird, ist zu diesem Zeitpunkt unklar. Politiker aus fremden Ländern geben Tipps: Wie wäre es mit Löschflugzeugen? Blöd nur, dass man dadurch das gesamte Gebäude zum Einsturz bringen könnte. Am 16. April um 09:50 Uhr atmet die Welt auf: Der Brand ist, durch kompetente Einsatzkräfte, auch ganz ohne Löschflugzeuge, endgültig gelöscht.

Und wie geht es weiter nach dem Entsetzen? Der Staatspräsident Emmanuel Macron verspricht: Der Wiederaufbau der Kirche wird in 5 Jahren beendet sein – passend für die Olympischen Spiele 2024. Die Touristenmassen sollen ja auch etwas davon haben. Aber ist das der richtige Ansatz? Ich habe über dieses Thema mit Sigrid Brandt, Lehrende an der Universität Salzburg und Vizepräsidentin des Nationalkomitees von ICOMOS (Internationaler Rat für Denkmalpflege) in Deutschland, gesprochen. Sie sagt richtigerweise: Das Gebot der Stunde ist erst einmal, das Dach zu schließen. Und dies am besten mit Materialien, die sich historisch bewährt haben, Materialien, die in Würde altern und stabil sind, wie beispielsweise Eichenholz. In einem offenen Brief an den Staatspräsidenten fordern auch viele ExpertInnen einen ordentlichen Wiederaufbau – dieser benötigt seine Zeit, damit keine Mängel entstehen.

Auch die Frage nach der Gestaltung des neuen Vierungsturmes, oder ob es überhaupt einen geben sollte, taucht in der Debatte auf. Eine Umfrage in der französischen Bevölkerung macht aber deutlich, dass eine historische Rekonstruktion die beliebteste Option ist. Man kann aber auch wie John Ruskin denken: Wieso nicht das Bauwerk in seinem jetzigen Zustand stehen lassen? Diese Meinung stammt aus dem 19. Jahrhundert, ist aber auch im heutigen Diskurs vertreten. Dazu muss man aber auch sagen, dass man zu dieser Zeit ebenso begeistert von Ruinen war, wie man heute von allem begeistert ist, was man „Vintage“ nennen kann.

Dass eine große Masse hingegen von der Kirche und ihrem Wiederaufbau begeistert ist, sieht man auch an den enormen Spenden, die eingegangen sind, um diesen realisieren zu können. Aber was ist denn mit anderen Projekten, die ebenfalls der Aufmerksamkeit bedürfen, die auch von so viel Geld profitieren könnten, welche beispielsweise Menschen in Armut helfen oder die Umwelt schützen? Es wäre absurd, sich vorzustellen, diese Probleme wären nun weniger wichtig, da für einen anderen Zweck mehr gespendet wird. Es ist meiner Ansicht nach eher ein Hoffnungszeichen, dass Kultur den Menschen doch wichtig ist, auch wenn es oft nicht so scheint. Es ist natürlich wünschenswert, Aufmerksamkeit für Zwecke zu schaffen, für welche es sich ebenfalls zu spenden lohnt. Leuten vorzuwerfen, es bei Notre-Dame getan zu haben, wirkt etwas eindimensional. Immerhin ist die Kathedrale Notre-Dame Weltkulturerbe, sie geht also in diesem Sinne uns alle etwas an, nicht nur FranzosInnen, nicht nur EuropäerInnen.

Diese Art der Debatte wurde übrigens bereits nach dem Zweiten Weltkrieg geführt: Wenn die Not der Bevölkerung groß ist, wieso sollte man dann daran denken, die zerstörten Kulturdenkmäler wiederaufzubauen? Gibt es nichts Wichtigeres? Doch die Menschen bewiesen eisernen Willen, ihre Städte und Denkmäler wieder zu errichten. Vielleicht nicht in fünf Jahren, aber so lange es eben brauchte, um die geliebten Monumente wieder zum Leben zu erwecken.

Es gibt ein Zitat von Jean Paul, das besagt: „Kunst ist zwar nicht das Brot, wohl aber der Wein des Lebens.“ Vielleicht sollte man auch dieser Kathedrale – einem Kunstwerk, das immerhin eine beachtliche Baugeschichte vorweist – die benötigte Zeit geben, um wieder aufzublühen. Damit auch die Nachwelt die Imposanz dieser Kirche genießen kann. Die Zeit, eine gewissenhafte Bestandsaufnahme durchzuführen und angemessene Entscheidungen für den Bau zu treffen. Erst später wird sich zeigen, ob man letztlich richtig entschieden hat. Richtig für die kommenden Jahrhunderte, nicht nur für die nächste Amtsperiode. Und die Zeit wird auch zeigen, dass die Menschen dieser Welt sich auch in Zukunft an ihren Kulturgütern erfreuen, sie pflegen und es hoffentlich für die Architektur von gestern und heute immer ein Morgen geben wird.