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I-710/I-105

#more than infrastructure

von Alexander Gebetsroither

PROJEKT
Die vorgeschlagene Intervention bewegt sich aufgrund ihrer Dimension zwischen einer objektbezogenen Architektur und einem städtebaulichen Maßstab. Die Größe ist von den Ausmaßen der Interchanges vorgegeben. Sie verdeutlicht die enormen Raumkapazitäten und betont das vorhandene Potenzial. Das Projekt, in Form eines gleichmäßigen Ringes, bildet einen Rahmen um den Verkehrsknotenpunkt. Die Freeways und die Intersection sind integraler ­Bestandteil der Architektur; sie bilden den Fokuspunkt, den Mittepunkt des Ortes. Sie sind das Bild für den Rahmen. Die Rahmung gibt dem Inhalt Wichtigkeit; sie steigert die Wertigkeit. Dem städtebaulichen weißen Fleck wird durch die bauliche Akzentuierung eine Persönlichkeit eingeschrieben.


STADTTEILZENTRUM
Die Großmaßstäblichkeit verdeutlicht eine gesamt­heitliche Absicht. Das Bauwerk dominiert die Umgebung und prägt aktiv den Kontext. Es zeugt von unweigerlicher Präsenz und schafft Identität. Trotz seiner bestimmenden Erscheinung, referenziert es auf den konkreten Ort; es bezieht sich auf die Infrastruktur und definiert gleichzeitig das Territorium. Das Bauwerk ist im Sinne Louis Kahns eher ein dienendes Element, als ein bedientes. Es zeigt, es fasst, es thematisiert und es konkretisiert die Potentiale des Ortes, welche bisweilen versteckt, unzugänglich und nicht gefördert wurden. Das Gebäude rückt die Zwischenräume in den Blickpunkt. Die Qualitäten der weitläufigen, informellen Zwischenräume bleiben erhalten, werden erleb- und adaptierbar. Das Gebäude spannt den Raum auf und thematisiert die Zugänglichkeit.
Die vormals durch die Freeways voneinander isolierten Stadtviertel erhalten ein gemeinsames Zentrum, welches in alle Richtungen gleichberechtig orientiert ist. Die runde Form ist demokratisch, ungerichtet und hierarchielos. Aus einem reinen Transitraum, einem idealtypischen Nicht-Ort, wird ein Ort mit Identität, Relation und Geschichte. Die Verortung bringt eine Überlagerung von Atmosphären, eine Belegung mit narrativen Elementen und eine höhere soziale Qualität. Der Ort erzählt ein Stück Stadtgeschichte.


MONUMENT
Im Zentrum steht omnipräsent der Autobahnknotenpunkt. Der Ring bestärkt die Erscheinung; funktionierend wie ein umgekehrtes Panoptikum wird der Verkehrsknotenpunkt, als Monument des Automobils, zu einem Denkmal, einem Kunstwerk, einer Skulptur hochstilisiert. Das strukturelle Gebilde, an eine antike Tempelruine erinnernd, ­bestimmt die Aura des Ortes. Die faszinierende tektonische und skulpturale Kraft der Intersection wird durch den Entwurf betont und verstärkt.


FORMENSPRACHE
Die Tektonik des Entwurfes referenziert auf die Form der ­Infrastruktur; sie wiederholt Themen der Inter‑
section; das Überspannen von Distanzen, das scheinbare Schweben von baulichen Elementen und die Dynamik, die Bewegung, die fließenden Kurven bilden eine gemeinsame Sprache. Allerdings unterscheiden sich die Körper in ihrer Ausformulierung. Während die Intersection filigran, fein, flüchtig und ­grazil erscheint, so wirkt der Ring massiv, beständig und ruhend. Einem Bauwerk der Bewegung und der Geschwindigkeit wird ein Element des ­Stillstandes und der Standfestigkeit gegenübergestellt. Die Intersection wirkt im Vergleich kleinteilig, differenziert und ineinander verwoben; das Gebäude im Gegensatz dazu ist großmaßstäblich, homogen und einheitlich. Während von dem Verkehrsknotenpunkt alle ­Vektoren weg verlaufen und sich verstreuen, sammelt das ringförmige Gebäude alle Bewegungslinien in sich und formt eine unendliche Wiederholung. Diese gegenseitigen Merkmale werden durch den jeweiligen Widerpart verstärkt.


PROZESS
Das Bauwerk ist eine kontinuierliche Weitererzählung der Stadtgeschichte. Jede Zeit hat ihre eigenen bau-​­lichen Ausformulierungen mit sich gebracht: die Ranches mit ihren weitläufigen Agrarflächen, die Straßenbahnen, welche die Ausdehnung der Stadt gefördert haben und dann selbst Opfer dieser Expansion wurden, oder das Automobil mitsamt seiner gewaltigen Infrastruktur, das den Bahnverkehr ­ablöste, massive Schneisen in die Stadt schlug und durch reine Bewegungsräume großflächige Nicht-Orte kreiert hat. Die weitere Entwicklung der Verkehrs­infrastruktur ist eindeutig nur eine Frage der Zeit. Durch neue Verkehrs-
mittel und Fortbewegungsmöglichkeit ändern sich die Möglichkeiten und Qualitäten der Stadt. Obwohl in Los Angeles der Weg langfristig wohl nicht vorbei führt an öffentlichen Massentransportmittel und einem Um-
denken hin zu einer Stadt der kürzeren Wege und höherer ­Dichte, wird das bestehende Straßennetz, aufgrund seiner Dimensionen zweifelsfrei weiterhin eine bedeutende Rolle in der Metropole einnehmen. Aktuelle ­Entwicklungstendenzen, von hybriden und elektrifizierten Fortbewegungsmittel, über selbstfahrende Autos, bis hin zu vernetzten on-demand Diensten, verändern das Verkehrsverhalten, sind aber dennoch auf die Straßen und Freeways angewiesen. An vorderster Front der Entwicklungen stehen mit Tesla Motors, UBER und Google kalifornische Unternehmen. Die Chancen stehen hoch, dass Los Angeles ein weiteres Mal Vorreiter einer Epoche werden kann.

Das Projekt situiert sich einer nahen Zukunft, in einer post-fossilen Zeit. Es gibt mehrere Szenarien für diese Entwicklung; entweder werden die Ölvorkommen aufgebraucht, bzw. wird zumindest durch Ressourcenknappheit der Ölpreis stark ansteigen, oder es findet ein weiteres Umdenken im Umweltbewusstsein der Menschen statt. Ein Ende des von Verbrennungsmotoren angetriebenen Verkehrs scheint jedenfalls absehbar. Der Abschied vom fossilen Zeitalter geht einher mit der Aufwertung von Stadträumen. Orte, die bis dahin als unwirtlich und unbehaglich galten, werden durch die Befreiung von Lärm und Luftverschmutzung neue Qualitäten hervorbringen.

Der Entwurf schlägt ein ­Gebäude vor, dass ein Impuls für die ­weitere Stadtentwicklung sein kann. Das Bauwerk macht den verloren gegangenen Raum wieder sichtbar; es rückt das Thema der Stadtentwicklung in das Blickfeld; es ermöglicht die Zugänglichkeit zu den Restflächen des Verkehrsknotenpunktes; und arbeitet durch ihre funktionale Belegung inhaltlich an der Weiterentwicklung von urbanen Prozessen.


»The freeways could be the real monuments of the future, the places set aside for special celebration by people able to experience space and light and motion and relationships to other people and things at a speed that so far only this century has allowed. Here are structures big enough and strong enough, once they are regarded as a part of the city, to re-excite the public imagination about the city. This is no shame to be covered by suburban bushes or quarantined behind
cyclone fences. It is the marker for a place set in motion, transforming itself to another place.«

Charles Moore, 1964

 


Grazer Architektur Diplompreis Awards 2016 - Publikumspreis