© 2019 by Philipp Glanzner

Schauspielhaus Graz

Ausstattungsassistentin

Carlotta Bonura

Mit achtzehn verließ ich Sizilien, um Architektur in Venedig zu studieren.

Im Jahr 2012, nach einem Erasmussemester an der TU Graz, beschloss ich, das Masterstudium hier abzuschließen. In Wirklichkeit inspirierte mich die Stadt mehr als die Universität. Ich musste hier leben.

Ich habe das Studium 2016 mit einer Diplomarbeit, die sich sehr mit sozialen Themen beschäftigte, am Städtebau-Institut abgeschlossen.

Das Architekturstudium hat mir beigebracht, wie man mit anderen Menschen arbeitet, wie man zuhört, wie man versteht, wie man eine gemeinsame Sprache entwickelt. Es geht um Eigenschaften, die mir in der Theaterwelt sehr geholfen haben.


Ich sehe Theater und Bühnenbild nicht als Endstation, sondern als Umweg und die Erfahrung, die ich heute gewinne, als Zugabe zu meiner Architekturausbildung. Umgekehrt sehe ich auch Architektur nicht als Anfang und Bühnenbild als Ende. In meiner Erfahrung ergänzen sie sich gegenseitig. Ich kann mir also gut vorstellen, einmal wieder im Architekturbereich zu arbeiten, ohne dafür das Bühnenbild verlassen zu müssen.

Wenn man als Architekt arbeitet, ist es nicht immer möglich, einen Entwurf tatsächlich umgesetzt zu sehen.


Im Theater ist der Maßstab kleiner und das Budget niedriger, dafür kann man aber wirklich das Ergebnis mit eigenen Augen sehen - in den Raum gehen und das Material anfassen. Die Entwürfe bleiben nicht nur auf Papier.
Das Temporäre im Theater fasziniert mich: Einen Raum zu entwerfen und zu bauen, in welchem jemand für eine gewisse Zeit lebt und der durch die Erzählung der Geschichte selbst auflebt.

Aus meiner Studienzeit vermisse ich am meisten den Zeichensaal. Da lernt man wirklich, wie man zusammenlebt und arbeitet, man lernt als Teil des Gesamten zu denken. Es wird viel untereinander diskutiert – man redet über die Lehrveranstaltungen und Projekte, oder auch über die Träume und alles, was im Architekturkosmos der Stadt Graz passiert. 

Was ich am Architekturmasterstudium an der TU Graz nicht unbedingt günstig finde, ist das Fehlen einer spezifischen Studienrichtung. Man kann die Richtung der eigenen Entwicklung selbst bestimmen, dadurch kommt es aber oft dazu, dass man alles ausprobieren will und dass die Grundsätze aufgrund des Zeitmangels außer Acht gelassen werden. Ich komme von der Venediger Schule, die einen unterschiedlichen Zugang zur Architektur propagiert als die Grazer Schule. Die Architekten von dort denken anders, haben andere Bedürfnisse und nehmen die Stadt auf andere Art und Weise wahr. 


In Venedig waren wir so viele Studierende pro Projektübung, dass man selten zur Korrektur kam und wenig mit den Professoren sprechen konnte. Die Professoren in Graz sind einfacher zu erreichen, jede Projektübung zählt wenige Studierende, weswegen einem mehrere Möglichkeiten offen sind und mehr Zeit zum Lernen übrig bleibt.

Mein Interesse für Theater entstand in der Schule, als ich altes Griechisch studierte. Meine Lehrerin übertrug mir die Liebe für die griechischen Heldengeschichten, und damals stellte ich mir schon die Bühnen der Tragödie vor, wie sie in dem Buch dargestellt waren.


Aber die Idee, dass das Bühnenbild mein Beruf sein könnte, ist in Sevilla entstanden, als ich meine Diplomarbeit schrieb. Dort hatte ich die Zeit, um auch andere Interessen zu verfolgen und besuchte eine Theatergruppe. Die Mentorin, die den Kurs hielt, sah, dass ich mehr als spielen oder zuschauen wollte, und sie lud mich ein, mit ihr zu Proben anderer Produktionen zu gehen. Ich konnte zuschauen und nachher im Auto mit ihr alles besprechen und kommentieren. Von ihr habe ich gelernt, Theater zu lieben, auch wenn man ohne Budget arbeitet und sich selber Lösungen ausdenken muss. Da habe ich zum ersten Mal gedacht, dass ich den Prozess sehen wollte. Ich wollte wissen, wie es funktioniert, wer dahintersteckt und was es kostet, ein Theaterstück zu inszenieren. 
Ich habe bis jetzt nie gedacht, dass ich nie mehr als Architektin arbeiten würde. Wenn ich auf der Bühne arbeite, bin ich noch immer eine Architektin, die mit anderen Augen einen Raum wahrnimmt. Deswegen glaube ich schon, dass mich Architektur zum Bühnenbild gebracht hat. Die Wahrnehmung des Raumes, die Interpretation eines Gedankens, die Entwicklung eines Konzeptes, der Vorschlag einer Form, der Modellbau, die Detail- und Materialsuche – all das gehört zum Prozess, den Architekt und Bühnenbildner durchführen.

Im Theater sind viele Menschen, die mich jeden Tag inspirieren und mir den Impuls geben, meine Ideen weiterzuverfolgen und nicht aufzugeben. Nichtdestotrotz gehören meine größten Vorbilder zur Architekturwelt: Mies van der Rohe und Le Corbusier verbleiben immerhin als meine starken Säulen, die meine ersten Schritte in der Architekturwelt begleitet haben. Flores & Prats Arquitectos sind für mich ein lebendiges Vorbild, seitdem ich sie in Venedig bei einem Sommerworkshop kennengelernt und bei ihnen ein Praktikum absolviert habe.

 

Im Theater muss man sich sehr viel mit Menschen beschäftigen. Diese private Sphäre, die das Gefühl, in einer großen Familie zu sein, verleiht - wo die Arbeitskollegen Lebenskollegen werden, wo man nicht mehr privates Leben und Arbeit trennt, wo die Arbeit nicht eine Belastung ist - gibt mir das Gefühl, dass das Theater meine Welt ist, und dass ich mich sonst nirgends so fühlen könnte.

Wenn ich jetzt mit meinem damaligen Achtzehnjährigen Ich reden könnte, würde ich einfach sagen: Keine Eile! Alles kommt mit der Zeit. Man wird alles verstehen, oder auch nicht, aber alles im Leben folgt einem Prozess und man kann keine Schritte überspringen, auch wenn sie manchmal sehr anstrengend und unwichtig ausschauen. Der Prozess ist am wichtigsten für das Ergebnis, auch wenn nicht immer herauskommt, was wir möchten. Man muss trotzdem jede Erfahrung als Lebenserfahrung nehmen und sie nutzen, um weiterzulernen.

Das ist es, was „Architektur auf Umwegen“ bedeutet. Man kann alles als Umweg definieren. Für mich sind Umwege im Leben sehr wichtig, weil sie mir die Möglichkeit geben, andere Interessen weiterzuverfolgen und andere Formen meiner Persönlichkeit zu entwickeln.


Ein Umweg für mich war auch das Theater – ein Umweg von dem Architekturweg, von einem sicheren Arbeitsplatz und von einem stabilen Leben. Es gibt Umwege, die uns definieren und von welchen wir nicht mehr abbiegen können.

Text: Carlotta Bonura