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Über die Wichtigkeit der Architekturskizze

Werner Hollomey

Volle Skizzenbücher und lose, bezeichnete Blätter finden sich in Werner Hollomeys Büro zu Hunderten. Seit über einem halben Jahrhundert schon hält der bekannte Grazer Architekt und emeritierte Professor für Entwerfen und Hochbau auf seinen Ausflügen und Reisen belebte wie unbelebte Materie in Skizzen fest. Die so entstandenen Zeichnungen füllen tausende Seiten – Prof. Hollomey hat SCHAURAUM. über seine Passion erzählt, und zeigte im Gespräch in seinem Büro auch die Relevanz der Architekturskizze im Vergleich mit der Architekturfotografie auf.

Wenn ein Architekt Dinge zeichnet, die sein Interesse eingefangen haben, dann tut er es nicht, um ein Objekt durch den Filter seiner eigenen Weltsicht zu mangeln, um am Ende den Künstlermarkt zu beleben. Er tut es für sich ganz allein, wie ein Kind, das herausfinden möchte, wo der Wind ist, wenn er nicht weht.
Wind, der Dinge schafft, hält sich meist sehr bedeckt, und nicht selten macht es große Mühe, jene Art von Wind zu finden, der vor dem Ding gewesen ist.
Für einen Architekten gehören beide zusammen: die Dinge und der Wind, in dem sie geworden sind; und manchmal reichen ein paar grafische Kürzel, um das Wesen eines Dinges freizulegen.
Wer also Architekturskizzen betrachtet, sollte nicht zuerst fotografische Fülle oder Identität erwarten und schon gar nicht Werke, die der Kategorie „grafischer Kunstäußerung“ zuzuordnen wären.
Das Schöpferische liegt hier vielmehr in den skizzierten Objekten selbst, nicht in deren Darstellung. Es ist genug, ihr Wesen aufgespürt zu haben.

[Werner Hollomey]


Meine Leidenschaft zur Zeichnung und jene zur Architektur sind parallel entstanden. Meine ersten Zeichnungen zu Beginn des Studiums waren – im Gegensatz zu meinen späteren Reise­skizzen – noch sehr abstrakt. Ich konnte aber auch damals schon für meine Zeichnungen zwischen verschiedenen Abstraktionsebenen wählen. Für verschiedene Aufgaben fand ich den jeweils passenden Stil. Bei Architekturwettbewerben etwa setzte ich oft auf eine etwas abstraktere Visualisierung meiner Entwürfe. Ob die jeweilige Jury das dann auch sehen wollte, ist eine andere Frage. [lacht]

In meinen Skizzenbüchern finden sich die verschiedensten Motive nebeneinander wieder. Hier zeichne ich einfach weiter, wo sich noch Platz findet. Einen thematischen Fokus setze ich hingegen bei meiner jährlichen Buchpublikation, die ich je einem spezifischen Thema widme. Zu diesem Thema kann ich dann aus meinem über Jahrzehnte gewachsenen Archiv an eigenen Zeichnungen und Texten schöpfen. So ist etwa ein Buch den Steinen gewidmet, ein anderes Bäumen und Holz. Ein sehr schweres Thema war das Wasser. Allein Wasser zu zeichnen ist sehr anspruchsvoll. Aber auch dazu habe ich ein Buch verwirklicht. Die Begleittexte sind im Buch mindestens genauso wichtig wie die Zeichnungen selbst. Diese Skizzenbücher gebe ich selbst in kleiner Stückzahl in Druck und verschenke sie jährlich an Freunde und Bekannte – seit über 30 Jahren schon.

Eines der spannendsten Themen in der Architektur überhaupt sind die Orte. Was sind Orte für den Menschen? Warum braucht der Mensch Orte? Wann entsteht ein Bezug zu einem Ort, eine Vertiefung zwischen Mensch und einer Räumlichkeit? 2016 habe ich mich diesen Fragen im Buch „Der Mensch und seine Orte“ gewidmet.

Orte sind manifest gewordene Engramme von an ein Ziel gekommenen Träumen oder Mühen; aber auch von Abstürzen und Niederlagen. Sie sind die Synapsen im Geflecht möglicher Wege. Orte können allein in unseren Gedanken existieren: eine Erinnerung, eine Beziehung, ein Traum. Oder aber auch in Stofflichkeit gefüllt: unser Haus, die Stadt, in der wir wohnen, ein Tal, die Weite des Meeres oder die Stille der Wüste. Orte sind Rastpunkte unserer Seele, sind Zeichen gewordene Identität. Orte können Frieden, Aufgehobenheit, Beheimatung vermitteln. Sind aber auch Brutstätten von Unzufriedenheit und Aufruhr, sind Stätten möglicher Einsamkeit inmitten von Fülle; von Fülle, die es schwer macht, sie noch zu ertragen. Orte sind verdichtete Gegenwart, ohne die dem Leben kein Sinn zukommt.

[aus: Werner Hollomey, „Der Mensch und seine Orte“, 2016]

Auf meinen Reisen habe ich neben dem Skizzieren auch sehr viel fotografiert – bis zum Beginn der digitalen Fotografie. Hier besteht meines Erachtens oft die Gefahr, sich zu sehr den Schnapp­schüssen statt gezielter Verbildlichungen hinzugeben. Jedoch kann auch die Fotografie sehr gelungene Porträts einer Landschaft, einer Reise, einer Siedlung erzielen. Der Vorteil der (Architektur-)Skizze besteht jedenfalls in ihrer Redu­ziertheit, und daraus resultierend der Möglichkeit, dem Wesen der abgebildeten Dinge näher zu kommen.

Sie sind nicht häufig, gegenseitige Begeg­nungen zeichnender Natur- und Häuserbildner auf freier Wildbahn. Die Dichte fotografierender Motivebanner hingegen ist Legion. Das Wunder der digitalen Techno­logie hat das Lichtbildnern nun auch noch um das letzte prickelnde Abenteuer über Gelingen und Versagen eines Belichtungsschusses gebracht. Knopfklick – und du bist für eine staunende Kinderschar oder technologieferne Baumhaus- oder Yakfell­zeltbewohner der große Magier, wenn sie sich auf deinem 2 mal 3 cm großen Mattschirm wiederfinden.

Nicht so ist es mit dem Produkt eines bemühten Zeichenstift- oder Pinselführers. Alles hier braucht seine Geduld, braucht sein Konzept. Striche werden zu Flächen, Flächen werden zu Kuben, zu Räumen. Du selbst bestimmst das Maß der Weite und die Fülle des Inhalts; bestimmst Ähnlichkeit oder Gleichnishaftigkeit, Flachheit oder Tiefe. Und du tust es in aller Intimität deiner Begegnung mit dem Ort, Intimität des Augenblicks. Wer zeichnet, legt ein Stück seiner selbst offen; seiner inneren Schau eines Dinges. Hierin liegt wohl der Grund für die Scheu des wenig Routinier­ten vor den Zusehern. Was können die schon wissen von deiner Sicht der Welt? Sie suchen nur das Idente. Kinder fahren mit ihren Fingern über dein Blatt, wenn sie es entdeckt haben, das Idente; und Erwachsene zweifeln an deinem sicheren Blick oder – schlimmer – sie zweifeln an deiner Rechtschaffenheit, wenn dir das genaue Abbild einmal weniger Anliegen war, als das innere Wesen eines Ortes, eines Dinges. Als ob dieses nicht ebenso wert wäre gefunden zu werden, als das Festhalten der Zufälligkeit seiner Außenschale. […]

[aus: Werner Hollomey, „Über das Abbilden“]


Zu den praktischen Vorteilen der Archi­tekturskizze: Im Vergleich zur Malerei und der Collage etwa ist die Skizze, oder die Zeichnung, um einiges weniger zeitaufwendig. Ich zeichne sehr schnell, brauche vielleicht zehn Minuten für eine Skizze. Das hat den Vorteil, dass ich auf Reisen die Geduld meiner Begleiter nicht zu sehr strapazieren muss. Meistens kann ich so die Skizze noch vor Ort finalisieren. Hin und wieder erledige ich letzte Schritte, wie etwa Schraffuren, im Nachhinein.

All meine bisherigen Skizzenbücher sind Dokumente für das Suchen nach dem Eigentlichen, nach dem Wesen von Dingen und von Orten mit den bescheidenen Mitteln meines Mediums.

[aus: Werner Hollomey, „Der Mensch und seine Orte“, 2016]

                                                                                                                                         Aufgezeichnet von Felix Obermair